Kaserne Vogelsang: Die geheime russische Geisterstadt im Wald

60 Kilometer nördlich von Berlin befindet sich einer der größten Lost Places in Brandenburg: Die verlassene Kaserne Vogelsang. Der ehemalige Stützpunkt der roten Armee ist heute eine Geisterstadt, die vergessen in den Wäldern der Uckermark verrottet. Ein Ort, an dem Geschichte lebendig wird.

Der Weg ins Niemandsland beginnt keine 100 Meter hinter dem Bahnhof. Ein paar baufällige Lagerhallen am Straßenrand, rostiger Maschendrahtzaun, dazwischen etwas verloren ein Einfamilienhaus. Kein Schild weist die Richtung. Wenn man nicht weiß, wonach man suchen muss, würde man diesen Ort keines weiteren Blickes würdigen.

Was vielleicht auch beabsichtigt ist. Nur ein paar Kilometer entfernt von hier wurden bis vor wenigen Jahrzehnten Nuklearraketen in unterirdischen Bunkern gelagert.

Inhalt

Kaserne Vogelsang: Die verlassene Stadt im Wald

Wir sind auf dem Weg zur Kaserne Vogelsang. Der frühere Armeestützpunkt wurde 1994 von der russischen Armee aufgegeben und ist seitdem ein „Lost Place“, ein vergessener Ort. Früher lebten hier 15.000 Soldaten mit ihren Familien abgeschieden von der Außenwelt. Über 500 Gebäude verteilen sich über das riesige Gelände – eine regelrechte Stadt mitten im Wald.

Eine Viertelstunde spazieren wir auf dem kerzengeraden Weg durch den verschneiten Wald. Kein Geräusch bis auf das Knirschen des Schnees unter unseren Schuhen. Eiskalte klare Luft, die Sonne scheint am blauen Himmel – der perfekte Tag, um sich in die Untiefen der jüngeren Vergangenheit zu begeben.

Kaserne Vogelsang Warnschild

Schließlich erreichen wir eine Schranke, dahinter die Überreste eines Pförtnerhäuschens. Ein Schild am Baum informiert uns, dass wir militärisches Sperrgelände betreten. „Von der Liegenschaft gehen erhebliche Gefahren für Leben und Gesundheit aus.“ Wir nehmen die Warnung zur Kenntnis, aber das kann uns jetzt auch nicht mehr aufhalten.

Kurz darauf lichtet sich der Wald zu unserer Linken. Ein riesiges offenes Feld breitet sich vor uns aus, in der Mitte davon ein langgezogener grasbewachsener Hügel, der nicht natürlich aussieht. Vielleicht einer der Bunker? Wir stapfen durch den Schnee, um uns das näher anzuschauen.

Ab unter die Erde

Keine fünf Minuten später wissen wir, dass wir mit unserer Vermutung recht hatten. Ein winziger Tunnel führt in den Hügel. Im Inneren ist es stockfinster. Feuchte Luft kommt uns entgegen, als wir uns reinquetschen und im Gänsemarsch vorwärts kriechen.

Eingang zum Raketenbunker in der Kaserne Vogelsang.

Nackte Betonwände leuchten im Schein unserer Handy-Taschenlampen. Glassplitter knirschen unter unseren Füßen.


Nach ein paar Metern endet der Gang und wir stehen in einer Art unterirdischer Lagerhalle. An der halbkreisförmigen Decke verlaufen dicke Rippen aus Stein, dazwischen einige rostige Metallverstrebungen. Ich bin kein Experte für Militärarchitektur aber die tunnelähnliche, längliche Form des Bauwerks scheint wie gemacht für die Lagerung von Raketen.

Ein weiterer schmaler Tunnel führt in eine zweite baugleiche Halle. Die Wände sind eingestürzt, auf beiden Seiten türmen sich Schuttberge auf.  Mit angehaltenem Atem tasten wir uns langsam vorwärts. Auf der Seite zweigt ein weiterer Tunnel in die Finsternis ab.

Kaserne Vogelsang Bunker

Wir entschließen uns weiterzugehen. Vielleicht hundert Meter weiter erreichen wir eine weitere Kammer. Verrostete Treppen aus Stahl führen in die Tiefe. Ich wage einen Blick hinunter und sehe im Schein der Lampe mein Spiegelbild. Anscheinend ist der untere Teil des Komplexes überflutet. Vielleicht Regenwasser, das im Lauf der Zeit heruntergesickert ist.

Also wieder zurück in die Lagerhalle. Es ist kalt, feucht und langsam würde ich diese finsteren Katakomben gerne verlassen. Gerade als wir umdrehen wollen, sehen wir vor uns schwachen Lichtschein. Durch ein Loch in der Decke fällt Sonnenlicht herab und da ist auch eine Leiter. Zwei Minuten später begrüßen uns die wärmenden Strahlen der winterlichen Mittagssonne.

Grafitti in der Garnison Vogelsang.

Von unterirdischen Bunkeranlagen haben wir nach diesem Ausflug fürs Erste genug. Es wird Zeit, die eigentliche Stadt inspizieren.

Lost in Vogelsang

Wir folgen dem Weg ins Zentrum, gespannt was uns noch erwartet. Und plötzlich sind wir da. Ganz unvermittelt. Im einen Moment sind da einfach nur Bäume, im nächsten stehen wir auf einer Art Platz, um uns herum überall Gebäude in den unterschiedlichsten Stadien des Verfalls.

Jede Richtung scheint genau so gut wie die andere zu sein. Also gehen wir einfach los und stöbern zwischen den Ruinen herum. Wir kommen an einem niedrigen Gebäude, von dem nur noch die Stahlverstrebungen und einige zerbrochene Glasscheiben übrig sind. Vielleicht früher einmal ein Gewächshaus?


An einer Mauer finden wir die Überreste eines Wandreliefs, das in den Stein gehauen ist. Wie zu erwarten martialische Szenen: Arbeiter an Maschinengewehren, der Sowjetstern, ein Raketenpanzer beim Angriff. Nebendran das finstere Gesicht eines Soldaten, das aber vermutlich ein Graffiti neueren Datums ist.


Das Innere der Gebäude ist in einem schrecklichen Zustand. Putz blättert in dicken Flocken von den Wänden. Die nackten Decken und Wände sind an vielen Stellen eingestürzt. In einigen Räumen ragen uns die Holzdielen in grotesken Winkeln entgegen. Obwohl die Gebäude offenstehen und den Elementen fast ungeschützt ausgeliefert sind, liegt ein muffiger Geruch in der Luft.

Lost Place Vogelsang Brandenburg
Vogelsang die Stadt im Wald
Ehemalige russische Kaserne Vogelsang Decke eines Gebäudes.
Früheres Wohnquartier in der Kaserne Vogelsang.

Während wir durch die Ruinen spazieren machen wir uns einen Spaß daraus, zu erraten, was hier früher einmal gewesen sein könnte. Manchmal ist es gar nicht so schwer. Klos sind immer gut zu erkennen und häufig noch recht gut erhalten. Die kleinen Zimmer mit Fenstern, die alle ihren eigenen Ofen in der Wand haben, könnten die Privatzimmer der Offiziere gewesen sein.

Spuren der Vergangenheit

Andere Bauwerke machen uns stutzig. In einem kleinen Gebäude finden wir ein mehrere Meter tiefes gekacheltes Becken, in das eine rostige Leiter hinunterführt.

Tauchbecken für Übungszwecke in Vogelsang.

Daneben eine Art Kessel. Könnte ein Boiler gewesen sein, aber das merkwürdige Rohr an der Seite gibt dem Ganzen eher das Aussehen einer Panzerhaubitze. Wurden hier Übungen für Kampfeinsätze unter Wasser durchgeführt?

Boiler oder Panzer in der Geisterstadt.

In einem Gebäude – vielleicht ein Schulungszentrum – lehnt eine alte Tafel mit Fotos an der Wand. Panzer rollen über ein Feld. Eine startende Weltraumrakete. Soldaten, die Gefechtsübungen durchführen. Szenen aus einer Welt, die längst untergegangen ist. Schade, dass keiner von uns Russisch kann und wir den Text nicht verstehen.


Ein großer Speisesaal ist noch gut als solcher zu erkennen. Auf der einen Seite hinter einem Gitter die Essensausgabe, an der Wand kitschige Blümchenbilder, ein Balalaikaspieler und tanzende Frauen. Ein Wunder, dass die Malereien noch so gut erhalten sind. In ein paar Jahren wird wahrscheinlich nicht mehr viel übrig sein.

Wandgemälde im Speisesaal der Garnison.

Irgendwann haben wir genug gesehen. Es geht auf den Nachmittag zu und wir beschließend zum Bahnhof zurückzulaufen. Zwischen den Bäumen tauchen immer neue Häuser auf. Hier könnte man tagelang herumspazieren und würde immer noch etwas Neues entdecken. Aber das ist eine Sache für das nächste Mal.

Bahnhofsgebäude Vogelsang.

Anreise

Aus Berlin mit dem Zug RB 12 Richtung Templin bis zum Bahnhof Vogelsang. Von dort ein Stück an den Gleisen entlang nach Süden bis zur Burgwaller Straße. Dann einfach rechts abbiegen und der Straße durch den Wald folgen. Bis zum Zentrum der Garnison ist es ein Fußmarsch von knapp 2 Km.

Tipp: Gar nicht weit von der Kaserne Vogelsang liegt ein weiterer Truppenübungsplatz in der Kleinen Schorfheide. Schau dir diesen Beitrag für mehr Infos an.

Kaserne Vogelsang Karte

Ich hab auf der Karte mal einige interessante Punkte eingetragen. Keine Gewähr, dass die Gebäudebezeichnungen stimmen. Der halbe Spaß ist, selbst darüber nachzugrübeln, was das früher gewesen sein könnte.

Auf der Webseite Heimatgalerie.de gibt es zudem einige alte Karten der Garnison Vogelsang. Außerdem findest du dort jede Menge Hintergrundinformationen zum Standort. Sehr interessant, um etwas über die Geschichte der Garnison zu erfahren.

Meine Empfehlungen zum Wandern*

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Ist die Kaserne Vogelsang frei zugänglich?

Das Gelände ist nicht abgesperrt und kann frei betreten werden. Ich habe einige Schilder gesehen, laut denen die Kaserne videoüberwacht wird. Neben einigen anderen Spaziergängern und Wanderern war von Personal o.ä. aber nichts zu sehen. Führungen auf dem Gelände gibt es meines Wissens nach nicht.

Zerfallenes Gebäude auf dem Garnisonsgelände Vogelsang.

Sicherheit

  • Die Gebäude sind baufällig und in einem sehr schlechten Zustand. Betreten auf eigene Gefahr!
  • Vor allem die Fußböden in den oberen Etagen sind häufig eingebrochen und machen keinen sehr vertrauenswürdigen Eindruck. Hier ist Vorsicht angebracht.
  • In den Bunkern ist es stockfinster. Ein Headlamp macht Sinn, wenn du da rein willst.

Wie es mit Munitionsverseuchung aussieht, kann ich nicht beurteilen. Wahrscheinlich ist es aber sicherer, auf den Wegen zu bleiben und nicht im Unterholz herumzulaufen. Außerdem trifft man immer mal wieder auf halbzugewachsene Abflussschächte und Löcher im Boden.

Grafitti sitzendes Mädchen Es war einmal.

Fazit

Auch wenn ich kein besonders großer Fan von verfallenen Industrieanlagen bin, war das ein spannender Ausflug. Das Gelände ist riesengroß und ich hätte nicht erwartet, in der Uckermark eine Geisterstadt in diesen Dimensionen finden. Besonders gut hat mir gefallen, dass in vielen Gebäuden tatsächlich noch greifbare Spuren der Vergangenheit vorhanden sind.

Leider wird die Kaserne Vogelsang anscheinend nach und nach abgerissen. In ein paar Jahren wird vermutlich nicht mehr viel übrig sein. Also schnell nochmal hinfahren, bevor man hier nur noch Wald und ein paar Grundmauern sieht. Es lohnt sich!

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Warst du auch schon mal in der Stadt im Wald oder kennst du noch andere spannende Lost Places in Brandenburg? Dann nichts wie ab in den Kommentarbereich – ich freue mich über deinen Kommentar.