Mehrtagestour im Val Grande: 4 Tage im Wilden Westen der Alpen

Das Val Grande im italienischen Piemont gilt als einzigartige, aber auch gefährliche Wildnisregion. In den unzugänglichen Schluchten und Tälern gab es wiederholt tödliche Unfälle. Was steckt dahinter? Genau das wollte ich bei einer 4-tägigen Wanderung durch den Nationalpark herausfinden.

In diesem Artikel

Der Nationalpark Val Grande im norditalienischen Piemont liegt zwischen dem Lago Maggiore und dem Ossolatal und gilt als eines der größten Wildnisgebiete der westlichen Alpen. Das unzugängliche Gebiet besteht aus mehreren großen Tälern, die durch hohe Berge völlig von der Außenwelt abgeschnitten sind.

Berghütten, eine touristische Infrastruktur und andere Menschen gibt es hier nicht. Die letzten Almen wurden um 1950 im Zuge der grassierenden Landflucht aufgegeben. Seitdem ist die Natur auf dem Vormarsch.

All das macht das Val Grande zu einem Hotspot für abenteuerlustige Wanderer und Naturfans. Zu der Faszination tragen sicherlich auch die Berichte über den Wildnischarakter des Geländes bei. Durchquerungen gelten als gefährlich, vor allem auf dem berüchtigten Schluchtweg durch die Kernzone des Nationalparks.

Das hat mich natürlich auch gereizt. Es war höchste Zeit für eine mehrtägige Wanderung im Val Grande!

Die Alpe Quagiui.

Die Planung der Tour war recht einfach. Im Nationalpark befinden sich etliche Selbstversorgerhütten, die durch ein Netz an Wanderwegen miteinander verbunden sind. Außerdem war ich 2019 schon einmal mit meiner Wandergruppe aus Berlin für ein paar Tage hier. Jetzt galt es eigentlich nur noch die Highlights herauszufinden und eine Route für 4 – 5 Tage zusammenzustellen.

Dazu besorgte ich mir Karten, den empfehlenswerten Wanderführer aus dem Rotpunktverlag und nahm mir jeden erdenklichen Blogbeitrag und jedes YouTube-Video vor, das ich in die Finger bekommen konnte. Das Ergebnis ist die folgende 4-tägige Wanderung, die einige der landschaftlichen Höhepunkte im westlichen Val Grande abklappert und die ich hier vorstellen möchte.

Achtung: Die hier beschriebene Tour richtet sich eher an erfahrene Wanderer, da sie durch anspruchsvolles Gelände führt. Die Wege sind in einem schlechten Zustand, außerdem ist die Orientierung nicht ganz einfach.

Auf einen Blick

  • Wanderung von Domodossola/Beura ins Herz des Val Grande und zurück
  • Länge: 30 Kilometer
  • Dauer: 4 Tage
  • Schwierigkeit: Mittelschwere bis schwere Bergwanderung: streckenweise verwildertes Terrain, schwierige Wegfindung
  • Abenteuerfaktor: Hoch
  • Wanderkarte, GPS-Gerät und Kompass empfehlenswert
  • Camping in Selbstversorgerhütten oder im Zelt
  • Keine touristische Infrastruktur im gesamten Park, Verpflegung muss selbst mitgebracht werden

Karte und GPX-Track

GPS-Download

Höhenprofil:

Val Grande Mehrtageswanderung Höhenprofil.

30 Kilometer verteilt auf 4 Tage klingt erstmal wenig. Durch das schwierige Terrain waren wir aber jeden Tag gut ausgelastet. Außerdem entsprechen die Kilometer- und Höhenmeterangaben auf den Karten meiner Erfahrung nicht zu 100% der Realität. Es gibt überall Gegenanstiege, Rinnen und Gräben, die auf einer Karte nicht auftauchen. Rechne zu allen Angaben noch einmal 10-20 % drauf und du bist du näher an der Wirklichkeit.

Der Fluß Rio Val Gabbio.

Mehrtageswanderung im Val Grande in 4 Tagen

Die 4-tägige Trekking-Tour nähert sich dem Zentrum des Val Grande von Westen. Start ist das Dörfchen Beura südlich von Domodossola. Von dort geht es durch dichte Wälder steil bergauf bis zum Passo Ragozzale. Der Pass markiert den westlichen Eingang zum oberen Val Grande.

Nach der ersten Übernachtung an der Alpe Menta steigen wir über die steile Scala Ragozzale. Über diese in den Fels geschlagene Treppe trieben früher die Bauern ihr Vieh auf die Weiden im oberen Val Grande. Es folgt eine spannende Gratwanderung bis zum 1800 Meter hohen Pizzo Mottac. Von hier aus steigen wir zu der idyllischen Hüttenanlage In La Piana im Zentrum des Nationalparks.

Am dritten Tag durchqueren wir zunächst das einsame Val Gabbio und steigen anschließend zu den Hochweiden der riesigen Alpsiedlung Quagiui auf. Eine letzte Passüberquerung führt uns im Schatten bizarrer Felstürme über die steile Bocchetta dell`Usciolo bis wir an der schön gelegenen Alpe Stavelli schon wieder die Zivilisation erblicken. Von hier aus ist es dann nur noch ein kurzer Marsch bergab bis nach Premosello-Chiovenda.

Schau dir hier die detaillierte Beschreibung der einzelnen Etappen an:

Ursprünglich wollten wir 53 Kilometer laufen. Aufgrund der Wegverhältnisse und des nicht optimalen Wetters entschieden wir uns aber bereits nach einem Tag dafür, die Strecke abzukürzen. Als Verstärkung holte ich mir meinen Wander-Buddy Franz, den nichts erschüttern kann und mit dem ich schon viele Touren unternommen habe, darunter an der Amalfiküste und der Zugspitze.

Bei der Planung der Tour habe ich mich von diesem tollen YouTube-Video inspirieren lassen, das einen guten Einblick über das Val Grande bietet.

Sind Wanderungen im Val Grande gefährlich?

Das Val Grande hat inzwischen ja einen gewissen Ruf. Von dem was ich gesehen habe, werden die Gefahren teilweise aber etwas überbetont.

Ja – auf den schwierigsten Routen wie dem Höhenweg Sentiero Bove und dem Schluchtweg (siehe unten) gab es schon tödliche Unfälle. Mit ein bisschen gesundem Menschenverstand und einer realistischen Selbsteinschätzung ist das Val Grande aber nicht die Vorhölle, als die es manchmal beschrieben wird.

Die Herausforderung besteht vor allem darin, dass der Nationalpark bewusst in einem naturnahen Zustand gehalten wird. Heißt: Viele Markierungen abseits der Hauptwege sind unleserlich/nicht vorhanden und die Wege sind generell in einem recht maroden Zustand.

Das sieht dann auch schon mal so aus:

Wandern im Val Grande.
Auf dem Weg zur Alpe Menta (Etappe 1).

Und ja… so etwas zählt im Val Grande als Weg. Das ist definitiv etwas anderes als die gut ausgebauten Premium-Wanderwege in den Ostalpen. Man muss sich das Val Grande also schon ein Stück weit erarbeiten. Aber genau das ist ja auch der Reiz.

Die realistischste Gefahr ist wahrscheinlich schlicht und einfach, dass du dich verläufst. Mit Karte und/oder GPS-Navigation lässt sich dieses Risiko vermeiden.

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Darum solltest du im Val Grande wandern gehen

Der Nationalpark nennt sich die „größte Wildnis-Region der Alpen“. Das klingt romantisch und lässt sich gut vermarkten. Eigentlich ist der Begriff aber ein wenig irreführend. Das Val Grande ist keine „natürliche“ Wildnis, wie man sie mit den Nationalparks der USA, dem vulkanischen Hochland von Island oder den Weiten Skandinaviens verbindest.

Die Gebirgstäler waren bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts besiedelt und wurden intensiv für Landwirtschaft und Holzabbau genutzt. Als sich das das nicht mehr lohnte, zogen die Leute in die Städte und ließen ihre Alpwirtschaften zurück. Im zweiten Weltkrieg gab es zudem Kämpfe zwischen italienischen Partisanen und deutschen Besatzern mit etlichen Opfern in der Zivilbevölkerung.

Eingang zur Alpe Quagiui im oberen Val Grande.
Die ehemalige Almsiedlung Quagiui. Überall im Nationalpark finden sich Überreste und Spuren der früheren Bewohner (Etappe 3).

Heute zeugen im Val Grande nur noch Ruinen und verlassene Höfe von der Vergangenheit. Es ist tatsächlich eine Wildnis, aber eine, die nicht einmal so alt wie ein Menschenleben ist. Das Ganze hat eine fast schon post-apokalyptische Stimmung. Du kannst quasi in Echtzeit beobachten, wie eine ehemalige Kulturlandschaft langsam verwildert und von der Natur zurückerobert wird.

Genau das ist für aufmerksame Beobachter eine wahre Fundgrube, da man fast an jeder Ecke auf die Spuren der früheren Bewohner stößt.

Dazu kommt, dass die Landschaft grandios ist. Die Berge sind zwar nicht sonderlich hoch (bis knapp 2300 Meter) und der Nationalpark Val Grande ist mit rund 150 km² eigentlich auch recht klein. Durch den stark zerklüfteten Charakter des Gebiets gibt es aber unzählige versteckte Seitentäler, tiefe Schluchten und von der Außenwelt völlig abgeschnittene Hochweiden.

Es fühlt sich wirklich wie eine vergessene Welt an. Zusammen mit der teilweise dschungelähnlichen Vegetation hatte bei unserer Tour oft das Gefühl, dass ich gerade irgendwo in Südamerika unterwegs bin und nicht mitten in Europa.

Trekking nach In La Piana.
Fantastische Landschaften rund um In La Piana im Zentrum des Nationalparks (Etappe 2).

Zusammenfassung

Du solltest im Val Grande wandern gehen, wenn du:

  • eine faszinierende, eher unbekannte Region mitten in Europa entdecken willst
  • mit relativ vielen Höhenmeter pro Tag klarkommst
  • kein Problem damit hast, zeitweise auch mal vom Weg abzukommen
  • ein paar Tage ohne Luxus auskommst und bereit bist, alle Vorräte im Rucksack mitzuschleppen
Wanderung zu einem versteckten Wasserfall im Val Gabbio.
Versteckter Wasserfall mit natürlichem Swimmingpool im Val Gabbio (Etappe 3).

Sicherheit

Das Val Grande ist wilder und ursprünglicher als andere Wandergebiete. Das ist natürlich gerade der Reiz und genau richtig für alle, die mal wieder die Comfort Zone verlassen wollen. Aber der Nationalpark birgt auch einige nicht zu unterschätzende Herausforderungen.

Zustand der Wege

Freundlich ausgedrückt sind die Wege im Val Grande „naturbelassene Wanderwege“. Konkret heißt das: Du läufst auf Trampelpfaden, die nur unregelmäßig oder gar nicht gepflegt werden. Zu den ständigen Begleitern zählen massive Felsbrocken, dicke Baumwurzeln und umgefallene Baumstämme auf dem Weg. Außerdem besteht die Gefahr, dass starke Regenfälle, Erosion, Erdrutsche und Felsstürze die Wege zerstören.

Durch einen Felstsurz blockierter Weg im Val Grande.
Felsturz auf dem Weg nach Premosselo (Etappe 4).

Durch die fehlende landwirtschaftliche Nutzung kann sich die Natur zudem nach Lust und Laune ausbreiten. Folge: Wildwuchs und Dickicht verschlucken die Wege schon nach kurzer Zeit, wenn nicht kontinuierlich von freiwilligen Helfern und der Nationalparkverwaltung dagegengehalten wird. Streckenweise muss man sich regelrecht durch das Dickicht vorwärts kämpfen.

Navigation und Wegfindung

Die häufiger begangenen Hauptwege durch die Täler des Val Grande sind zwar recht gut mit Wegweisern und Markierungen gekennzeichnet. Daneben existieren aber unzählige alte Trampelpfade, Schafswege und Nebenrouten, die auf keiner Karte eingezeichnet sind und häufig im Nirgendwo enden. Deshalb kann man sich hier sehr schnell verlaufen.

Einer Anekdote zufolge schickte die italienische Regierung in den 1960er-Jahren eine Gruppe von Wissenschaftlern für eine Bestandsaufnahme des geplanten Nationalparks ins Val Grande. Ergebnis: Die Truppe musste mit dem Helikopter evakuiert werden, weil sie nicht mehr alleine herausfand. Das passiert unvorsichtigen Wanderern auch heute noch. Eine gute Gebietskarte ist daher unerlässlich. Und wenn du noch kein GPS-Gerät hast, ist eine Mehrtagestour im Val Grande die perfekte Gelegenheit zur Anschaffung.

Handyempfang

Da das Val Grande auf fast allen Seiten von hohen Bergen eingekesselt ist, gibt es in vielen Teilen des Tals keinen Handyempfang. Perfekt, wenn du dich für ein paar Tage von der Welt verabschieden willst. Nicht ganz so perfekt, wenn irgendetwas passiert. In den höheren Lagen und auf Berggipfeln hatte ich meistens Empfang. Je weiter wir uns dem Zentrum des Nationalparks näherten, desto schlechter wurde es.

Um auf Nummer sicher zu gehen, würde ich generell davon ausgehen, nirgendwo Empfang zu haben und mich anderweitig abzusichern (z.B. Karte, GPS-Gerät). Außerdem kann es sicherlich nicht schaden, jemandem zuhause die genaue Route zu geben und einen Termin zu vereinbaren, an dem du dich spätestens zurückmeldest.

Blick über In La Piana im Zentrum des Val Grande Nationalparks.
In La Piana: Toller Ort, aber keine Chance auf Handyempfang (Etappe 2).

Schlangen

Um Bären und Wölfe musst du dir beim Wandern im Val Grande keine Sorgen machen, die gibt es hier nicht. Dafür leben die giftige Aspisviper und andere Schlangenarten im Nationalpark. Das Val Grande wird daher auch manchmal Tal der Schlangen genannt. Ob man sich jetzt deswegen fürchten muss, sei einmal dahingestellt. Die Chance tatsächlich gebissen zu werden, ist vermutlich ziemlich klein.

Generell empfiehlt es sich aber lange Hosen zu tragen und lieber zweimal hinzuschauen, bevor du dich irgendwo hinsetzt. Falls du doch mal eine Schlange siehst, solltest du außerdem respektvollen Abstand halten und sie natürlich nicht fangen oder besonders nah für ein tolles Foto rangehen.

Feuersalamander im Val Grande.
Feuersalamander sind uns im Val Grande häufig begegnet (Etappe 3).

Wasserversorgung im Val Grande

Wasser gibt es im Val Grande genug. An oder in der Nähe von vielen Biwakhütten findest du Brunnen mit frischem Wasser. Empfehlenswert ist eine Gebietskarte, in der die Wasserstellen eingetragen sind. In dem Wanderführer Val Grande aus dem Rotpunktverlag finden sich ebenfalls Tipps, wo du sicher Wasser bekommst.

Außerdem gibt es viele Bäche, kleine Flüsse oder Rinnsale – gleichzeitig aber auch etliche Schafe und Ziegen, die frei im Nationalpark herumlaufen. Ich hatte zur Sicherheit einen Wasserfilter von Steripen dabei, der auch Viren abtötet. Unbehandeltes Wasser aus Bächen würde ich eher nicht trinken, weil in vielen Gebieten Schafsköttel auf dem Boden liegen. 

Badestelle im Val Gabbio.
Eine der vielen Badestellen im Val Gabbio (Etappe 3).

Was ist mit dem Val-Grande-Schluchtweg?

Der berühmt-berüchtigte Schluchtweg ist zwar kein offizieller Wanderweg, aber wahrscheinlich eine der bekanntesten Routen durch den Nationalpark. Es handelt sich dabei um einen alten Weg der von der Ponte Velina im Süden bis zur Hüttenanlage von In La Piana verläuft und dabei die Hauptschlucht des Rio Val Grande durchquert. Die knapp 10 Kilometer lange Route führt durch den innersten Teil des Nationalparks, das Riserva Integrale di Pedum und gilt als äußerst anspruchsvoll. In der Vergangenheit gab es hier wiederholt tödliche Unfälle, weil Leute an exponierten Stellen abrutschten oder bei Starkregen im rasch ansteigenden Wasser des Flusses ertranken.

Markierung gefährlicher Weg im Val Grande.

Bis vor einigen Jahren war eine Betretung des Wegs verboten. Aufgrund der abgeschiedenen Lage ließ sich das natürlich nicht kontrollieren, daher gab es auch immer wieder Unfälle. Inzwischen sind die kritischsten Stellen mit Brückenkonstruktionen und Stahlseilen versichert, seit 2017 ist das Begehungsverbot Geschichte. Und ich geb’s zu: Ich wollte den Schluchtweg zuerst auch gehen. Danach habe ich mir aber ein paar Fotos im Netz angeschaut und mich mit einigen Leuten ausgetauscht, die da schon unterwegs waren. Anschließend habe ich mir das ganze nochmal überlegt.

Teile des Weges führen wohl über alte Holzkonstruktionen, die seit wer weiß wie lange in der Schlucht vor sich hin modern. Auch die Ketten zur Sicherung sind anscheinend schon seit Ewigkeiten nicht mehr ausgetauscht worden, was Sinn macht, da die Nationalparkverwaltung die Route nicht als offiziellen Wanderweg ansieht. Das Terrain in der Schlucht sah (zumindest auf den Fotos) auch nicht gerade einladend aus: Sehr abschüssig, wenig Weg, dafür viel mühsame Kraxelei über Felsen und durch dichtes Unterholz und das stundenlang.

Ich schätze aber, dass Leute mit ausreichend Wandererfahrung, die öfter in den Bergen sind und sich auch mal abseits der ausgetretenen Pfade bewegen, auf dem Schluchtweg nicht zwangsläufig in eine gefährliche Situation geraten. Wir haben in In La Piana eine Gruppe aus Sachsen getroffen, die sich so gut wie gar nicht vorher informiert hatte und den Schluchtweg halt einfach mal ausprobieren wollte. Kann man schon machen… Ob das Ganze Spaß gemacht hat, ist natürlich eine andere Sache.

Ich würde den Schluchtweg auf jeden Fall nur dann gehen, wenn ich schon mal im Val Grande unterwegs war und eine ungefähre Vorstellung davon hätte, was mich hier erwartet. Ein schönes Video mit einer Durchquerung der Hauptschlucht kannst du dir hier anschauen:

In Zukunft soll der Schluchtweg übrigens zu einem echten Klettersteig ausgebaut werden. Das Projekt namens Selvaggio verde (in Anlehnung an die berüchtigte Trekking-Route „Selvaggio Blu“ auf Sardinien) ist vom Nationalpark bereits abgesegnet. Ziel ist es, sämtliche Abschnitte des Wegs komplett zu renovieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ursprünglich sollte der neue Weg bereits 2020 eingeweiht werden. Corona hat dem Ganzen jetzt aber erst einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Prioritäten im Moment woanders liegen und die nächsten 1 – 2 Jahre nichts passieren wird.

Trekking im Val Grande zu verlassener Alpe.

Tipps zur Ausrüstung

Im Val Grande gibt es keinerlei touristische Infrastruktur. Für längere Touren musst du also Vorräte und Camping-Ausrüstung mitbringen. Konkret brauchst du:

  • Schlafsack
  • Isomatte
  • Camping-Kocher mit Brennstoff
  • Essen für mehrere Tage
  • Kleidung für mehrere Tage
  • Ausreichend großer Rucksack zum Transportieren (50 bis 60 Liter)
Zelten im Val Grande.

Zelt

Ein eigenes Zelt ist nicht zwingend notwendig, wenn du in den Biwak-Hütten übernachtest. Ich habe meines trotzdem dabeigehabt, weil wir nicht immer direkt an einer Hütte übernachtet haben. Theoretisch kann es außerdem passieren, dass die Hütten bereits voll sind, wobei das wahrscheinlich eher selten vorkommt.

Schuhe

Empfehlenswert sind knöchelhohe Wanderschuhe mit gutem Profil und griffiger Sohle. Die Wege im Val Grande sind steil, uneben und du läufst auch im Wald häufig über Felsbrocken und spitze Steine. Turnschuhe sind in diesem Terrain ein absolutes No-Go. Bei schlechtem Wetter kann es sehr rutschig und schlammig werden. Wasserfeste Wanderschuhe empfand ich daher als klaren Vorteil.

Mit Kette gesicherter Weg im Val Grande.
Einige ausgesetzte Stellen auf den Wanderwegen sind mit Ketten versichert, aber die Auswahl ist recht willkürlich (Etappe 3).

Karte

Eine Gebietskarte im Maßstab 1:25.000 ist nicht nur zur Tourenplanung, sondern auch zur Orientierung vor Ort unerlässlich (Infos zur besten Karte weiter unten). Das gilt vor allem dann, wenn du auf unmarkierten Routen unterwegs bist oder dir auf die Schnelle einen Überblick über alternative Routen verschaffen willst. Meiner Erfahrung nach verlassen sich die meisten Leute heutzutage auf ihr Smartphone. In vielen Wandergebieten mag das ausreichen. Im Val Grande ist allerdings nicht überall Handyempfang gegeben, daher ist das hier keine Option.

GPS-Gerät

Ich bin bislang selten in Situationen geraten, wo ich mich wirklich auf mein GPS-Gerät verlassen musste. Im Val Grande habe ich gleich mehrere erlebt. Die Wege waren teilweise so überwuchert, und so stark vom Wald „verschluckt“, dass man sie fast nicht mehr von der Umgebung unterscheiden konnte. Selbst mit GPS war die Wegfindung nicht immer ganz einfach. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie das ohne Navigationsgerät ausgesehen hätte.

Stirnlampe

Sehr empfehlenswert, da es in den Tälern abends sehr schnell dunkel wird. In den Hütten gab es teilweise sogar solarerzeugten Strom und elektrisches Licht. Ansonsten ist es draußen aber stockfinster. Wenn du mit Zelt unterwegs bist, ein essentieller Ausrüstungsgegenstand.

Bekleidung

Schnell trocknende und geruchsarme Shirts aus Merino-Wolle, da das Klima in den niedrigeren Lagen (unter 1000 Meter) geradezu tropisch schwül und feuchtwarm war. Für 4 Tage reichte mir ein Shirt für Tagsüber und eines zum Wechseln für abends. Außerdem hatte ich einen Fleecepulli zum Wärmen im Camp dabei. Eine gute Regenjacke ist ebenfalls sinnvoll, da das Wetter sehr schnell umschlagen kann. Zum Wandern ist eine lange Hose wegen dem vielen Gestrüpp keine schlechte Idee. Mir haben die Shorts aber meistens gereicht.

Trekking-Stöcke

Zum Wandern im Val Grande sehr sinnvoll, da vor allem die Abstiege mit schwerem Rucksack sonst ziemlich auf die Knie gehen. Außerdem gab es immer mal wieder Situationen in denen die Stöcke gute Dienste beim Ausbalancieren leisteten und mir ein besseres Sicherheitsgefühl gaben.

Weiterlesen: Ultraleicht-Trekking für Einsteiger: 7 praktische Tipps, die du sofort anwenden kannst

Alpe Stavelli.
Improvisierter Zeltplatz an der Alpe Stavelli, die leider geschlossen hatte (Etappe 3).

Zelten, Übernachten und Wildcamping im Val Grande

Es gibt 2 bewirtschaftete Hütten (Rifugi) im Nationalpark Val Grande und 2 weitere knapp außerhalb der Parkgrenzen. Dazu kommen 10 Biwakhütten (Bivacchi). Diese Schutzhütten sind kostenlos und haben immer offen. Neben Ofen und Kochutensilien gibt es einen Schlafraum im Obergeschoss. Einige Hütten haben dank Solarstrom inzwischen sogar elektrisches Licht (z.B. Bivaccho Mottac, Bivaccho Alpe della Colma und Bivaccho Alpe Rina).

Die verlassenen Almsiedlungen bieten zur Not auch ein Dach über dem Kopf und Schutz vor Regen. Teilweise haben wir hier sogar Kochgeschirr gefunden. Allerdings sind die Gebäude in unterschiedlichen Stadien des Verfalls und akut einsturzgefährdet. Außerdem werden sie vor allem von Ziegen und Schafen als Unterschlupf genutzt und riechen entsprechend streng. Ich würde darin nur im Notfall übernachten.

Alpe Valle di Sotto.
Die Alpe Valle di Sotto im Val Gabbio ist keine offizielle Biwakhütte, im Innenraum lagen aber sogar ein paar Isomatten (Etappe 3).

Wildcamping ist im Val Grande offiziell verboten. Die regionalen Vorgaben erlauben aber das Biwakieren mit dem Zelt für eine Nacht, sofern du dich nicht im Wald aufhältst. Inwieweit das wirklich jemand kontrolliert sei dahingestellt.

In der Praxis wird Zelten und Wildcamping im Val Grande toleriert. Rund um die Biwakhütten ist es keinerlei Problem, ein Zelt aufzuschlagen. Auch sonst dürfte es keine Probleme geben, wenn du dich anständig verhältst, deinen Müll wieder mitnimmst und nicht in riesigen Gruppen aufschlägst.

Karten und Wanderführer zum Val Grande

Die genaueste Karte für Wanderungen und Trekking-Touren im Val Grande stammt vom Fachverlag Geo4Map und wurde in Zusammenarbeit mit dem Club Alpino Italiano entwickelt. Die Karte im Maßstab 1:25.000 zeigt alle Wege (auch unmarkierte) und ist auf wasserfestem Paper gedruckt. Für die hier beschriebene Tour brauchst du Blatt 14 Val Grande. Der östliche Teil des Nationalparks wird auf Blatt 15 Alto Verbano abgedeckt. Beide Karten wurden 2020 aktualisiert.

Karte im Maßstab 1.25.000 vom Val Grande.

Bei den gestrichelten und gepunkteten unmarkierten Wegen auf der Geo4Map-Karte wäre ich trotzdem vorsichtig, da sie unter Umständen in sehr schlechtem Zustand und/oder zugewachsen sind. Wir sind mehrmals auf solchen Wegen gelaufen – in anderen Wandergebieten würde man das als weglos oder bestenfalls als Trampelpfad bezeichnen. Ohne GPS-Navigation ist Verlaufen vorprogrammiert.

Unmarkierter Weg im Val Grande.
Unmarkierter Weg im Val Gabbio. An den Steinbrocken kann man viel gutem Willen noch den alten Verlauf erkennen (Etappe 3).

Neben der Geo4Map-Karte gibt es eine Swisstopo-Karte der Region Domodossola im Maßstab 1:50.000. Diese Karte wurde aber zuletzt 2010 aktualisiert. Die offizielle Karte des Nationalparks Val Grande im Maßstab 1:30.000 enthält anscheinend relativ viele Fehler.

Ebenfalls keinen guten Ruf bei Gebietskennern haben die Karten des Istituto Geografico Centrale in Turin und die Karten aus dem Kompass-Verlag. Aus historischer Sicht interessant sind die alten Gebietskarten aus den Jahren 1907 und 1963. Hier sind noch viele alte Wege eingezeichnet, die – wenn überhaupt – nur noch als Überreste existieren. Touren planen wäre mir damit aber etwas zu riskant.

Tipp: Wenn du ein GPS-Gerät nutzt, kann ich die Freizeitkarte Alpen als OSM-Map wärmstens empfehlen.

Bislang existiert nur ein deutschsprachiger Wanderführer für das Val Grande: Nationalpark Val Grande – Unterwegs in der Wildnis zwischen Domodossola und Lago Maggiore. Das Buch aus dem Rotpunktverlag ist sehr empfehlenswert. Neben 17 Trekkingtouren findest du dort auch viele Hintergründe zur Geschichte und der Lebensweise der früheren Bewohner.

Dazu gibt es praktische Tipps zur Anreise, Infos zu Biwakhütten, Wasserstellen und besonders sehenswerten Orten im Val Grande sowie einige Tagestouren und kurze Reiseführer zu den Städten Domodossola und Verbania. Insgesamt ein tolles Buch, mit dem du dir auch relativ einfach eigene Touren zusammenstellen kannst. Dafür fand ich den recht hohen Preis von knapp 30 Euro mehr als gerechtfertigt.

Ende der Wanderung durch das Val Grande.
Aussichtspunkt über dem Städtchen Premosselo (Etappe 4).

Anreise

Die Anreise ins Val Grande mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist unkompliziert. Wir sind über die Schweiz mit dem Zug von Berlin nach Domodossola gefahren. Von hier haben wir den Bus nach Beura genommen, der ungefähr alle 2 Stunden fährt (Fahrplan) und auch die anderen Städte am Rand des Val Grande bedient.

Für die Anreise mit dem Flugzeug fliegst du am besten nach Mailand und nimmst von dort den Regionalzug nach Domodossola (Link). Die Züge fahren mehrmals am Tag. Die Fahrt dauert ca. 2 Stunden und führt direkt am Lago Maggiore vorbei. Im Flugzeug sind Gaskartuschen oder Brennstoff für den Kocher nicht erlaubt. In Domodossola gibt es aber mehrere Camping-Geschäfte, in denen du dich vorher eindecken kannst.

Schild Val Grande.

Beste Reisezeit zum Wandern im Val Grande

Als beste Reisezeit zum Wandern im Val Grande gilt der Spätsommer, vor allem der Monat September. Im Juli und August regnet es häufiger und die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Außerdem sind viele Wege durch die dichte Vegetation im Sommer schlechter erkennbar. Schnee gibt es im Val Grande je nach Lage teilweise noch bis in den Juni. Unsere erste Exkursion Ende April 2019 zur Cima della Laurasca mussten wir damals abbrechen, weil das Val Loana noch tief verschneit war.

Bei der jetzigen Tour Anfang September hatten wir leider wieder etwas Pech mit dem Wetter. Vier Tage lang war es fast durchgehend bewölkt, die Sonne zeigte sich nur selten und wir hatten auch ziemlich viel Regen. Immerhin wurden wir aber von dem Jahrhundert-Unwetter verschont, das einige Tage später in der Region wütete und wohl auch etliche Wege im Val Grande zerstörte.

Blick über das Val Grande.

Weiterführende Links und Infos zum Val Grande

Wie eingangs erwähnt, gibt es im Internet inzwischen recht viele Informationen, Webseiten und Artikel zum Val Grande. Hier eine kleine Auswahl, die mir bei der Tourenplanung geholfen hat.

  • Val Grande Blog: Der Blog von Nationalpark-Guide Tim Shaw ist die beste Quelle für aktuelle Infos zum Val Grande, beispielsweise zum Zustand der Wege, über Schneelagen, gesperrte Teilstücke, Hütten usw.
  • Piemont Trekking Auf der Webseite von Tim Shaw werden verschiedene Tagestouren und Mehrtagestouren vorgestellt. Auf Wunsch kannst du die Touren dort auch direkt bei Tim buchen, wenn du einen Führer willst. Die Webseite eignet sich aber auch hervorragend als reine Inspirationsquelle.
  • Alpi Ticinesi: Sehr detaillierte Webseite (im herrlich altmodischen 90er-Look) die sich eher an Alpinisten richtet. Die Touren sind genau richtig für Leute, die Herausforderungen suchen und sich abseits der Wege bewegen wollen. Die Wegbeschreibungen sind teilweise allerdings schon älter und ich würde mich nicht blind darauf verlassen. Benutzung auf eigene Gefahr!
  • Reliefs.ch: Eine weitere alpinistische Val-Grande-Webseite mit einigen spannende Touren, beispielsweise durch die Hauptschlucht des Val Grande und einer sehr abenteuerlichen Alternativ-Route von Beura aus dem Westen. Auch hier gilt aber: Die Beschreibungen sind streckenweise über 10 Jahre alt und mit Vorsicht zu genießen, da das Gelände inzwischen ganz anders aussehen kann (und wahrscheinlich auch tut).
  • In Valgrande: Diese italienische Webseite ist vermutlich die detaillierteste Val-Grande-Seite. Die Sprachbarriere ist dank Google Translate eigentlich kein Problem und im Unterschied zu den beiden deutschsprachigen Seiten fühlt sie sich auch nicht so an, als wäre sie das letzte Mal vor 10 Jahren aktualisiert worden. Besonders gut gefallen haben mir die vielen Fotos, mit denen man sich einen tollen Eindruck von den Örtlichkeiten machen kann. 
  • Klingenfuss.org: Etwas weniger Besserwisserei des Autors wäre wünschenswert. Trotzdem eine hervorragende Informationsquelle über Wanderungen im Piemont, auch wenn es auf der Seite eigentlich nicht hauptsächlich um das Val Grande geht, sondern um den Weitwanderweg GTA.

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Hast du noch Fragen? Warst du auch schon mal im Val Grande? Dann schreib mir einen Kommentar – ich freue mich von dir zu hören!