Val-Grande-Durchquerung – Etappe 2: Alpe Menta – Bivacco In La Piana

Wir überqueren den Passo Ragozzale über eine beeindruckende Steintreppe und wandern auf dem Grat bis zum Pizzo Mottac. Von hier steigen wir knapp 1000 Höhenmeter bis zur Hüttenanlage In La Piana im Zentrum des Nationalparks hinab.

Route: Alpe Menta (1761 m) – Passo del Ragozalle (1925 m) – Bivacco Ragozalle (1914 m) – Bivacco Alpe Mottac (1686 m) – Bivacco In La Piana (968 m)

Tourdaten

  • Länge: 7,4 Kilometer
  • Höhenmeter auf: 345 m
  • Höhenmeter ab: 1139 m
  • Gehzeit ohne Pause: ca. 5 Stunden

Wasserversorgung

Bivacco Alpe Mottac: Ausgeschilderter Weg ca 20 m südlich der Hütte bis zu einem Brunnen mit Wasserhahn, Bivacco In La Piana: Wasserstelle oberhalb der Lichtung im Wald und am östlichen Ende der Wiese.

Übernachtung

Im Bivacco In La Piana stehen drei Selbstversorgerhütten für Wanderer bereit.

Übersichtskarte

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Beschreibung der Etappe

Am nächsten Morgen steht gleich ein Highlight der Tour an. Die Überquerung des Passo Ragozalle. Dieser Gebirgspass verläuft direkt zwischen den steilen Felswänden der umliegenden Berge. An der günstigsten Stelle am Grat errichteten die früheren Bewohner aus Felsblöcken eine gewaltige Treppe aus Felsblöcken, über die sie ihre Tiere zu den dahinterliegenden Weiden trieben.

Über die Steintreppe “Scala Ragozzale” betreten wir das Val Grande.

Trotz des grauen Himmels bietet die Scala Ragozzale einen beeindruckenden Anblick. Ein paar Steine sind ziemlich wackelig, aber die Treppe hat sich trotzdem gut gehalten. Das letzte Mal renoviert wurde sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Oben angekommen sollte sich uns eigentlich der perfekte Panoramablick ins obere Val Grande bieten. Leider ist der Himmel inzwischen komplett zugezogen und wir glotzen etwas enttäuscht in eine dichte Nebelwand hinein.

Der Abstieg zum Bivacco Ragozzale ist steil und nicht ganz ohne. An einigen Stellen ist der Weg komplett weggebrochen und wir müssen uns an den steilen Grasflanken entlangtasten. Die Schutzhütte ist wegen Corona geschlossen, einen Brunnen gibt es hier auch nicht. Da wir am Morgen nicht noch einmal neu aufgefüllt haben, gehen wir direkt weiter. Die nächste Wasserstelle am Bivacco Mottac ist noch einige Kilometer entfernt.

Ausblick auf das Bivacco Ragozzale vom Pass.

Auf der Karte sah der Weg über den jetzt folgenden Grat bis zum Pizzo Mottac eigentlich recht harmlos aus. Aber schon nach einer halben Stunde werden wir erneut eines Besseren belehrt, als sich der Weg unerwartet teilt: links geht es über den Grat und wieder zurück, rechts auf einem nicht gerade vertrauenserweckenden Trampelpfad weiter am Grat entlang.

Auf Irrwegen am Mottac-Grat

Laut Karte müssen wir dem Grat immer weiter folgen, also entscheiden wir uns für Rechts. Ein Fehler. Nach ein paar hundert Metern wuchert der Pfad immer weiter zu, die Flanke wird mit jedem Schritt steiler. Wir gehen ein paar Meter zurück, schlagen uns weglos den Grat hinauf und entdecken nach ein paar Minuten des Herumirrens tatsächlich den richtigen Weg auf der anderen Seite des Grats. Erst als ich wieder zuhause bin, lese ich im Val-Grande-Blog von Gebietskenner Tim Shaw, dass diese Stelle schon seit Jahren für Verwirrung sorgt und bereits etliche Wanderer in die Irre geführt hat.

Danach sind wir zwar wieder auf Kurs, aber es bleibt weiter anstrengend. Über dicke Wurzeln, Geröll und lose Felsbrocken schlagen wir uns mühsam in Richtung Pizzo Mottac weiter. Der Gipfel des Berges verschwindet im dichten Nebel und es sieht so aus, als würde es jeden Moment anfangen in Strömen zu regnen.

Leider ist das Bivacco Mottac geschlossen und wir müssen unter einem Solarpanel Schutz vor dem Regen suchen.

Aber wir haben Glück und bleiben trocken bis wir am Bivacco Mottac ankommen. Der Brunnen befindet sich etwa 150 Meter unterhalb der Hütte und ist sogar ausgeschildert. Als wir wieder oben ankommen, fängt es dann aber schließlich doch zu regnen an. Da auch diese Hütte verschlossen ist, suchen wir uns einen notdürftigen Unterschlupf unter den Solarpanels, die an der Seite angebracht sind. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt und auch der Feuersalamander, der sich durch das Gras vor mir schleicht, kann mich nicht aufheitern.

Planänderung und Abstieg nach In La Piana

Fast zwei Stunden harren wir aus. Als der Regen aufhört, ist klar, dass wir den ursprünglichen Plan – weiter bis zur Alpe Scaredi – auf keinen Fall mehr schaffen. Auch ohne die Verzögerung wäre es in dem unwegsamen Terrain schon schwierig genug gewesen. Jetzt noch weitere 10 Kilometer zu laufen ist völlig unrealistisch. Wir entscheiden uns stattdessen dafür, die Route abzukürzen und heute Nacht in der Hüttenanlage In La Piana im Zentrum des Parks zu bleiben.

Der Weg dahin zieht sich noch einmal und wir müssen fast tausend Höhenmeter herabsteigen. Am späten Nachmittag lichtet sich dann der Wald und wir sehen die Hütten am Rande der grünen Lichtung fast aus der Vogelperspektive. Im Hintergrund die zerklüfteten, dicht bewaldeten Berge. Nebelfetzen und Wolkenschwaden streifen an den Hängen vorbei. Ein wahnsinniger Anblick – das könnte genauso gut in Südamerika sein.

Zunächst haben wir die gesamte Anlage ganz für uns allein und wir suchen uns einen geeigneten Zeltplatz am Rand der Lichtung. Als die Dämmerung hereinbricht tauchen aber doch noch ein paar andere Wanderer auf. Anscheinend hat doch eine der Biwakhütten geöffnet. Natürlich sind die Neuankömmlinge auch aus Deutschland. Wir verbringen den Abend vor dem warmen Ofen, tauschen unsere Erlebnisse aus und schließlich verkriechen wir uns im Zelt.

Die wunderschöne Hüttenanlage In La Piana im Zentrum des Nationalparks.

Ich kann lange nicht einschlafen. Aus dem Wald tönen Tierlaute. Zunächst ein Uhu, dann das tiefe Röhren von Hirschen. Vor dem Zelt ein ständiges Hin- und Her, so als würde gerade eine ganze Herde vorbeiziehen. Schließlich ziehe ich meine Stirnlampe an und öffne das Zelt, um nachzuschauen.

Im Schein des Lichtkegels blickt mich ein gutes Dutzend hell leuchtender Augenpaare an – die ganze Lichtung ist tatsächlich voller Hirsche. Einige Sekunden später sind sie dann verschwunden, aber das Röhren dauert noch bis zum Morgengrauen. Woanders mag die Welt im Corona-Chaos versinken, im Val Grande verläuft der Kreislauf der Natur wie eh und je.

Hier geht es weiter mit Etappe 3 der Wanderung. Alternativ kommst du hier zurück zur Übersicht der ganzen Tour.