Die Manali Diaries: Fünf Monate im indischen Himalaya – Teil 1: Abreise mit Hindernissen

5 Monate Backpacking durch den nordindischen Himalaya: Das ist die Geschichte meiner bisher längsten Reise. Eine Sammlung aus Tagebucheinträgen, Anekdoten und Erlebnissen von einem Trip, der nicht immer einfach war, mich am Ende aber reich belohnt hat. Ehrliches, ungefiltertes Backpacking in einer der faszinierendsten Gegenden der Erde.

📖 Die Manali Diaries #1

📅 Datum 30. April 2025
📍 Route Berlin → Delhi
✈️ Verkehrsmittel Flugzeug
🎯 Ziel Manali, Himachal Pradesh
⛰️ Reise 5 Monate Backpacking im indischen Himalaya

30. April, 10:30 Uhr, Flughafen Berlin Brandenburg. Mit einer Mischung aus Vorfreude und Sorgen sitze ich im Wartebereich. In einer Stunde startet der Flug und es geht los: 5 Monate will ich durch den Indischen Himalaya reisen.

Das ist meine bisher längste Backpacking-Reise, aber in diesem Moment fühlt es sich fast ein bisschen so an, als könnte es meine letzte große Reise werden. Werde ich in einem Jahr noch genügend Geld haben, um monatelang durch die Weltgeschichte reisen zu können? Und vielleicht noch wichtiger: Habe ich dann noch die Motivation dazu?

Was wird mich in Indien erwarten?

Warum ausgerechnet Nordindien?

Ich versuche die düsteren Gedanken zu verscheuchen. Liegt wahrscheinlich nur am Berliner Winter. Wochenlang grauer Himmel, Kälte und der ewige Trott – das hat das Zeug dazu, noch das sonnigste Gemüt runterzuziehen. Es wird einfach Zeit, dass ich mal wieder raus in die echte Welt komme. Und was könnte echter sein als Nordindien? Genau deshalb zieht es mich dorthin.

Ich war zwar ein paar Mal in Nepal, aber noch nie in Indien. Mein Kopf ist voller Bilder: Chaotische Straßen, Rikschas, bunte Tempel, der Duft von Gewürzen, schneebedeckte Gipfel und uralte Klöster irgendwo hoch oben im Himalaya. Ein widersprüchliches, schwer zu verstehendes Land, aber auch voller Weisheit – die große Kulturnation des Ostens. Ein Land, in dem Heilige seit Jahrtausenden zu den Bergen des Himalaya pilgern.

Manali – Auf den Spuren des Hippie-Trails

Natürlich will ich in den Himalaya, die Städte interessieren mich kaum. Mein erstes Ziel ist Manali, die legendäre Backpacker-Enklave in den Bergen von Himachal Pradesh. Schon in den 1970er-Jahren war der Ort ein fester Halt auf dem berühmten Hippie-Trail. Und bis heute haftet ihm etwas von diesem Mythos an: Eine Mischung aus Aussteigerromantik und Räucherstäbchen, haschischgeschwängerten Ausschweifungen und dem Versprechen eines freieren Lebens. Das hat selbst in unseren prosaischeren Zeiten noch eine gewisse Anziehungskraft.  

Eigentlich wollte ich den Sommer in Kaschmir verbringen, ein ewiges Traumziel von mir: Das sagenhafte Gebirgstal im Schoße des Himalaya, von dem der Mogulherrscher Jahangir im 16. Jahrhundert sagte: „Wenn es ein Paradies auf Erden gibt, dann ist es hier, hier, hier.“ Ein Land aus weißen Gipfeln, blühenden Tälern und funkelnden Seen – legendär für seine landschaftlichen Reize, aber auch für einen der unerbittlichsten politischen Konflikte der jüngeren Vergangenheit. „Das schönste Kriegsgebiet der Erde“, wie es der „Spiegel“ einmal genannt hat.  

Übersichtskarte meiner Reiseregion:

Leider ist dieser Konflikt genau eine Woche vor meinem Trip erneut aufgeflammt, nachdem es über 10 Jahre lang ruhig war. Bewaffnete der islamischen Terrormiliz Lashkar-e-Taiba eröffneten in der Nähe von Sonamarg, einem der beliebtesten Ausflugsziele in den Bergen Kaschmirs, das Feuer auf eine Gruppe von indischen Touristen – angeblich unterstützt von Pakistan. Über zwei Dutzend Menschen starben im Kugelhagel, Indiens Patrioten glühen vor Wut. Die Atommacht steht kurz vor der Schwelle zum offenen Krieg mit Pakistan.

Das ist mir alles ein bisschen zu heiß, daher ist mein Plan: Erstmal in Manali bleiben. Das ist immerhin 200 Kilometer östlich von Kaschmir und dazwischen liegen die unüberwindlichen Gebirgsketten des Dhauladar und des Pir Panjal – den beiden äußersten Bollwerken der über 3.000 Kilometer langen, schneebedeckten Mauer, die von den Menschen Himalaya genannt wird – Heimat des Schnees. Genau das soll für die nächsten Monate mein neues Zuhause sein.

Goodbye Brandenburg… die nächsten Monate geht’s ab in den Himalaya.

Erste Lektion: In Indien läuft nichts nach Plan

Leider verspätet sich der Flug, schon macht sich die geopolitische Krise bemerkbar. Der Luftraum über Pakistan ist nicht zugänglich, die Rede ist von Raketenangriffen auf indische Stellungen. Also müssen wir über Dubai fliegen und wegen dem Umweg ist ein zusätzlicher Pilot erforderlich. Doch auch der lässt natürlich auf sich warten.

Schließlich heben wir aber doch ab. Erst jetzt wird mir bewusst, wie weit Indien eigentlich entfernt ist. Und während unter mir das blaue Band der Oder zurückbleibt, wird mir klar, dass Fliegen wahnsinning praktisch ist, aber auch viel verloren geht: das richtige Tempo des Reisens, die allmähliche Annäherung an eine andere Welt.

Ich muss an die Engländer auf ihrer Passage to India in der Kolonialzeit denken. Zuerst Südeuropa, vielleicht ein Zwischenstopp in Venedig, dann das langsame Hinübergleiten in die mediterrane Welt. Weiter nach Ägypten und nach dem Golf von Aden schließlich Kurs auf die unbekannten Gewässer des Indischen Ozeans. Eine romantische, dem menschlichen Horizont angemessene Form des Reisens. Wir modernen Menschen überspringen dieselben 5.000 Kilometer dagegen in ein paar Stunden – und wir merken nicht einmal, dass wir in eine andere Welt fahren, weil wir uns unterwegs den neuesten Marvel-Film anschauen.

So müsste man heute noch reisen können…

Als wir endlich kurz nach 1:00 Uhr in Delhi aufsetzen, bin ich völlig übermüdet. Mehr als 15 Stunden bin ich inzwischen unterwegs. Eigentlich will ich nur noch ins Hotel und schlafen. Stattdessen wartet direkt die erste Lektion darüber, wie Indien funktioniert: Mit Formularen, Stempeln und sehr viel Geduld.

(Fortsetzung folgt)

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