Darum ist Wandern in den Cinque Terre ein totaler Reinfall

Unberührte Landschaften. Die Stille und Einsamkeit der Natur. Authentische Einblicke in andere Kulturen, die man nur bekommt, wenn man zu Fuß unterwegs ist. In den Cinque Terre leider alles Fehlanzeige. Stattdessen: Massen-Wandertourismus mit allen unschönen Nebeneffekten. Ein Erfahrungsbericht.

Alleine wäre ich wahrscheinlich nicht zu den berühmten fünf Dörfern der Cinque Terre gefahren. Ja.. die Küste hat einen gewissen Ruf als Wanderregion in Italiens und ich hatte 10 Jahre lang ein Foto der bunten Häuser von Manarola als Hintergrundbild auf meinem Desktop-Rechner. Aber das ist eigentlich eher die Sorte Ort, wo man mit seiner besseren Hälfte zum in den Tag hineinleben hinfährt und nicht zum Wandern.

Nach unserer kleinen Bergtour in der Wildnis des Val-Grande-Nationalparks war die allgemeine Stimmung aber: Jetzt wird erstmal entspannt. Also ab an die Küste von Ligurien. Und wenn man schon mal da ist, kann man sich ja auch mal kurz Cinque Terre anschauen. So schlimm wird’s schon nicht sein.

Falsch.

Ich hab zwar keine besonders hohen Erwartungen gehabt, aber als Wander-Destination war Cinque Terre trotzdem ein waschechter Reinfall. Nicht nur wegen der Touristenmassen. Damit kann ich zur Not leben. Womit ich nicht leben kann, ist die allgemeine Kein-Bock-Attitüde, die einem dort an jeder Stelle entgegenschlägt.

Aber fangen wir vorne an.

Cinque Terre Wanderkarte des Nationalparks.

Wandern in den Cinque Terre: Ein Selbstversuch

Wir starten in Chiavari, wo wir übernachtet haben und fahren mit dem Zug nach Monte Rosso al Mare, dem westlichsten der 5 Orte. Alle Dörfer der Cinque Terre sind mit dem Zug verbunden, was die An- und Abreise erstaunlich einfach. Wer keine Lust mehr hat, steigt einfach im nächsten Dorf ein und fährt zurück.

Der Zug ist rappelvoll. Corona scheint hier im Sommer 2020 irgendwie nicht angekommen zu sein. Oder es interessiert keinen. Auf jeden Fall kann ich mir nur schlecht vorstellen, dass es noch voller sein könnte.

Viele der Mitreisenden sind anscheinend tatsächlich gezielt zum Wandern hergekommen. Überall vollgepackte Rucksäcke, Trekkingstöcke, komplette ausgerüstete Wandersleute mit schweren Bergstiefel, die aussehen, als wären sie gerade auf dem Weg zum Everest Base Camp.

Hallo? Hab ich irgendwas übersehen? Ich dachte eigentlich, Wandern in Cinque Terre wäre ein gemütlicher Spaziergang an der ligurischen Küste.

Wandern in den Cinque Terre.

Wie dem auch sei. In Monte Rosso angekommen, müssen wir uns erstmal ein Ticket für den Wanderweg kaufen. Ich finde so etwas eigentlich etwas befremdlich, weil ich beim Wandern ja gerade die Freiheit schätze einfach loszulaufen, ohne mich irgendwo anmelden zu müssen.

Aber gut… das ist dann hier halt so.

Die Dame am Schalter fertigt die Leute in der Schlange wie auf Autopilot ab. Neben der Eintrittskarte bekomme ich eine Papierkarte der Strecke in die Hand gedrückt. Im Internet habe ich vorher gelesen, dass einige der Wege gesperrt seien. Als ich mir erlaube zu fragen, wie die Lage aussieht, schüttelt die Verkäuferin nur verärgert den Kopf. „Please look on the map“. Zack, nächster Kunde. Fragen unerwünscht.

Auf der Karte finden sich natürlich keine aktuellen Informationen, nur ein allgemeiner Wegverlauf. Andererseits sind das hier alles eh keine riesigen Distanzen. Bei 15 km Strecke für einen kompletten Tag kann man sich auch mal ein paar Verhauer leisten. Los geht‘s.


Die Wege in Cinque Terre sind schön – aber völlig überlaufen

Die Promenade von Monte Rosso al Mare besteht wie zu erwarten nur aus Souvenirständen und Cafés. Ein ziemlich deprimierender Anblick, aber das in der Sonne türkisfarben funkelnde Meer und die dichtbewachsenen, grünen Berge, die bis an die Steilküste ragen, sehen dafür toll aus.

Theoretisch könnte das jetzt ein erstklassiger Spaziergang zwischen Bergen und Meer werden. In der Praxis heißt es leider erstmal wieder Schlange stehen, weil unser Ticket kontrolliert werden muss. Als es nach 10 Minuten weitergeht, atmen wir auf und freuen uns – leider etwas zu früh – auf ungestörtes Wandervergnügen.

Touristen auf Wanderweg in Cinque Terre.
Wenn’s mal wieder länger dauert…

Aber es sind einfach zu viele Leute unterwegs, oder besser gesagt: Es gibt zu wenig Weg für die ganzen Leute. Alle paar Minuten staut sich die Menge, wenn sich irgendjemand den Schnürsenkel zubinden muss, eine kurze Pause macht oder Wanderer aus der Gegenrichtung kommen.

In den genervten Gesichtern kann man ablesen, dass alle genau das Gleiche denken: „Mann, wäre das toll, wenn hier nicht so viele andere Leute wären.“

Immerhin entschädigt der Blick auf das nächste Dörfchen Vernazza mit seinem malerischen Kastell. Der Ort selbst besteht zu gefühlt 99% aus Restaurants und Souvenirläden. Die Verkäufer lassen den Strom der Touristen mit einer Mischung aus Langeweile und Überdruss über sich ergehen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich glaube mir würde es auch nicht gefallen, wenn sich mein Heimatort in ein Freilichtmuseum verwandeln würde.

Fotoshooting Cinque Terre.

Wieso sind hier alle so genervt?

Hinter Vernazza machen wir kurz Pause an einem der Cafés, die alle paar hundert Meter strategisch am Wegesrand platziert sind. Die Bedienung ist genervt und kurz angebunden. Normal sind die Italiener eigentlich immer zu einem kurzen Schwatz aufgelegt, aber hier wird man nur schnell abgefertigt, weil hinter einem schon 20 andere Gäste warten.

Während ich meine Limo schlürfe und mich umschaue, fällt mir auf, dass hier eigentlich alle in der einen oder anderen Form genervt sind: Die Einwohner von der Verschandelung durch die ganzen Bars und Souvenirstände. Die Besitzer der Bars und Souvenirstände von den Touristen. Und die Touristen von Ihresgleichen, weil es einfach zu viele sind und man sich ständig auf die Füße tritt.


Der nächste Ort Corniglia ist more of the same. Die kunstvoll in den Steilhängen der Berge angelegten farbenfrohen Häuser sehen wunderschön aus – aber eigentlich nur von Weitem. Sobald man näherkommt und den Ort betritt, erwartet einen die immer gleiche Mischung aus Touristenfallen und Souvenirshops. Immerhin wird es danach etwas ruhiger. Die meisten Leute haben keine Lust mehr weiterzulaufen und beenden die Wanderung lieber vorzeitig bei einem Bier.

Noch ein paar Kilometer weiter und wir erreichen Manarola. Wahrscheinlich der schönste Ort der Cinque Terre und mit seinem bunten Häusermeer, das sich steil über einer natürlichen Felsenbucht erhebt, das klassische Postkarten-Motiv.

Blick auf Manarola.
Nicht auf dem Foto zu sehen: Die 150 anderen Leute, mit denen ich mich um den Fotospot kloppen musste.

Für den perfect shot vom gegenüberliegenden Aussichtspunkt heißt es natürlich wieder Schlange stehen und wir versuchen erst gar nicht, einen Platz in der völlig überfüllten Nessun Dorma Bar zu ergattern.

Was von der Via dell’Amore übrig blieb

Nach Manarola sollte eigentlich sollte der schönste Abschnitt der Wanderung folgen: Die direkt dem Verlauf der Steilküste folgende Via dell’Amore. Ob der Liebespfad tatsächlich gesperrt ist wie im Internet zu lesen war, konnte mir bisher niemand sagen. Aber neben dem Eisenbahntunnel in Manarola finden wir einen beschrifteten Wegweiser. Dann muss das ja auch so stimmen.

Wir laufen durch eine düstere, ungepflegt wirkende Gasse. Danach durch einen mit Graffiti beschmierten Tunnel, der an einer alten Wasserleitung vorbeiführt. Schließlich erreichen wir einen schiefen Bauzaun, der halb offensteht. Äh… was ist das bitte für ein Wanderweg? Aber gut – in Italien sieht man so etwas lockerer. Wir gehen weiter.


Dahinter folgt eine alte Promenade, die direkt über dem Meer verläuft. Es könnte fast schön sein – wenn der Weg nicht vollständig von Regenwasser überflutet wäre. Zum Glück hat irgendjemand Bänke aufgestellt, über die wir hinweg balancieren. Also wenn das der Premium-Wanderweg in Cinque Terre sein soll, weiß ich auch nicht mehr…

Aber das war noch nicht alles. Nach ein paar hundert Metern erreichen wir eine verwahrloste Gasse, auf beiden Seiten leerstehende Häuserruinen. Was das früher war lässt sich nicht mehr genau sagen. Geräteschuppen? Strandbuden? Pferdeställe? Auf jeden Fall fühlt es sich so an als würden wir gerade durch die Müllhalde von Cinque Terre wandern.

Via dell'Amore in Cinque Terre.

Im Niemandsland von Manarola

Irgendwann ist der Spuk dann vorbei und der Weg endet gnädigerweise an einem weiteren Bauzaun. Diesmal endgültig geschlossen und vergattert. Das war’s dann. Wohl oder übel stiefeln wir nach Manarola zurück und suchen uns als Alternative einen steilen aber unspektakulären Bergweg bis zum Ziel in Rio Maggiore.

Ein Schild oder irgendein anderer Hinweis, dass der eigentliche Weg irgendwann im Nirgendwo endet, ist weit und breit nicht zu sehen. Das ist für mich dann wirklich das Tüpfelchen auf dem i. Wo geht eigentlich das ganze Geld für den Eintritt hin? Anscheinend jedenfalls nicht in die Instandhaltung der Wege.

Im Internet heißt es vage, dass die Via dell’Amore 2022 wieder geöffnet werden soll. Aber ich hab nicht das Gefühl, dass hier mit Hochdruck daran gearbeitet wird. Als Eindruck bleibt zurück, dass den Verantwortlichen irgendwie alles ziemlich egal ist. Der glanzvolle Name „Cinque Terre“ reicht ja auch aus, um die blöden Touristen anzulocken. Wozu sich dann noch groß Mühe geben?

Blick vom Wandern in Cinque Terre.
Bei solchen Aussichten muss man das vielleicht auch nicht…

Wandern in den Cinque Terre: Mein Fazit

Ich will jetzt nicht rumheulen. Das war nicht das erste Mal, dass ich Massentourismus gesehen habe und wird bestimmt auch nicht das letzte Mal sein. Aber in Cinque Terre hab ich mich in keiner Minute wirklich willkommen gefühlt.

Die Einheimischen scheinen die Touristen als ein notwendiges Übel zu betrachten und sind ihnen in einer Art Hassliebe verbunden. Einerseits haben sie sich an den internationalen Tourismus verkauft und machen damit ordentlich Geld. Andererseits haben sie dafür ihre schöne Heimat geopfert und können jetzt auch nicht mehr einfach zurück. Keine sehr entspannte Atmosphäre.

Einwohner am Rande des Wanderwegs in Cinque Terre Ligurien.
Ok… es gibt schlimmere Jobs auf der Welt.

Für ein romantisches Wochenende zu zweit mit viel Rotwein und lange im Bett bleiben könnte ich mir Cinque Terre gerade noch so vorstellen. Aber ansonsten fällt mir beim besten Willen kein Grund ein, hierher zu kommen. Italien hat so viele schöne Orte, gerade auch zum Wandern – da darf man ruhig ein bisschen wählerisch sein.

Wenn du vergleichbares Flair (mit viel mehr Stil) suchst, kann ich die Amalfiküste wärmstens empfehlen. Schau dir hier meinen Reisebericht dazu an:

Die Amalfiküste ist in meinen Augen die größere und bessere Version der Cinque Terre. Die Küstenwege sind noch spektakulärer (weil höher). Traumhafte Aussichten und bunte Häuser wie in Manarola findest du dort auch, aber auf den Wanderwegen ist nicht viel los und das Hinterland ist noch sehr ursprünglich.

Weitere Alternativen in der näheren Umgebung der ligurischen Küste sind die kleine Insel Palmaria im Golf der Poeten und die Apuanischen Alpen an der Grenze zur Toskana (Blog-Beiträge dazu folgen). Als Ziel zum Wandern kann ich Cinque Terre eigentlich wirklich nur als riesengroßen Reinfall bezeichnen.

Blick auf Rio Maggiore in Cinque Terre.

Warst du auch schon in den Cinque Terre und hast andere Erfahrungen gemacht? Hab ich die falsche Reisezeit erwischt? Oder hätte ich mir das Hinterland anschauen sollen? Dann nichts wie ab und schreib mir einen Kommentar! Ich bin auf deine Meinung gespannt.