Im Bergsteigen gibt es nur zwei Meldungen, die von öffentlichem Interesse sind: Der große Erfolg oder die totale Katastrophe. In die letztere Kategorie fällt die tragische Nachricht vom vergangenen Wochenende: Nirmal Purja, der Rockstar des modernen Höhenbergsteigens, und sein gesamtes neunköpfiges Expeditionsteam wurden von einer gewaltigen Lawine am pakistanischen Broad Peak erfasst. Inzwischen ist klar, dass niemand überlebt hat.
Es ist natürlich eine menschliche Tragödie. 10 hochmotivierte Männer und Frauen, jeder und jede mit einem Mikrokosmos von Erfahrungen und Erinnerungen – allesamt in wenigen Sekunden ausgelöscht. Ganz zu schweigen von der Trauer der Angehörigen und auch in der lokalen Bergsteigerszene von Nepal wiegt der Verlust schwer. Denn es ist ja nicht nur „Nimsdai“, der ums Leben gekommen ist. Mit ihm waren fünf weitere hochdekorierte nepalesische Bergführer unterwegs, viele von ihnen mit Dutzenden erfolgreichen Besteigungen. Die Kathmandu Post titelt deshalb nicht zu Unrecht, dass mit der Lawine eine ganze Generation von Legenden ausgelöscht wurde.
Vom Dorfkind zum Social-Media-Superstar
In den internationalen Medien konzentriert man sich natürlich auf die Hauptfigur. Verständlicherweise, denn die Geschichte von Nims ist einfach gut: Der arme Junge aus einem Dorf am Annapurna Circuit, der zuerst Ghurka-Soldat wird, sich später mit schierer Willenskraft in die internationale Bergsteiger-Elite hocharbeitet und damit zum respektierten Superstar wird.
Diese persönliche Aufstiegsgeschichte ist aber nur die eine Seite. Egal wie man zu seiner extrem kommerziellen Form des Höhenbergsteigens steht: Nirmal Purja hat die Geschichte des Alpinismus im Himalaya verändert. Nicht nur wegen seiner bahnbrechenden Erfolge im Projekt Possible, bei dem er 2019 alle 14 Achttausender in nur sechs Monaten und sechs Tagen bestieg. Seine eigentliche Leistung liegt in seiner Rolle als Vorbild für die einheimische Bevölkerung. Nimsdai zeigte, dass die nepalesischen Bergsteiger nicht nur die braven Unterstützer im Hintergrund sind, sondern auch ins Rampenlicht treten und die absolute Weltspitze anführen können.
Nimsdai kehrte das Machtverhältnis um und wurde damit für viele in Nepal zu einer Inspirationsfigur.
Die Risse im Denkmal
In den letzten Jahren gab es viel Kritik an Nirmal Purja. Vorwürfe, dass er Sicherheitsvorkehrungen missachtete, Steuern hinterzog und gezielte Falschmeldungen verbreitete, um sich in ein besseres Licht zu rücken. Zuletzt wurde er sogar beschuldigt, sich Kundinnen gegenüber sexuell übergriffig gezeigt zu haben. Auf jede Darstellung folgte eine Gegendarstellung, häufig in sensationslüsternen Beiträgen über die sozialen Medien. Wer jetzt genau recht hatte, war für Außenstehende häufig schwer oder gar nicht mehr nachzuvollziehen. Willkommen in der postfaktischen Ära, in der sich jede Seite ihre eigene Realität zusammenbaut. Zuletzt schien es aber so, dass der Nimbus von Nimsdai angekratzt war, sogar Sponsoren zogen sich zurück.
Vielleicht lag die heimliche Schadenfreude, die viele darüber verspürten, auch ein bisschen an seinem Stil. Zurückhaltung war nicht das Ding von Nimsdai. Er inszenierte sich gerne mit markigen Sprüchen. „Meine größte Stärke ist, dass ich keine Angst kenne“, sagte er etwa in der Netflix-Dokumentation „14 Peaks: Nothing Is Impossible“, die ihn weltberühmt machte. Er war immer ein bisschen zu laut, ein bisschen zu schrill, einen Tick zu selbstbewusst. Man hatte häufig das Gefühl, dass hier jemand überkompensiert und der Welt ganz dringend beweisen muss: Die Nepali können es auch und sie können es schneller, besser und cooler als ihre westlichen Bergsteiger-Kollegen.
Ja… er war eine polarisierende Persönlichkeit, getrieben von einem gigantischen Ego und einem unbändigen Ehrgeiz, der auch abseits der Berge Grenzen überschritt. Und dennoch haben viele Menschen in Nepal zu ihm aufgeschaut – der Spitzname „Nimsdai“ (Dai = nepalesisch für „Bruder“) ist kein Zufall. Jahrzehntelang standen westliche Bergsteiger im Rampenlicht, während die einheimischen Guides im Hintergrund die eigentliche Schwerstarbeit leisteten, aber unsichtbar blieben. Nims hat das für alle öffentlich sichtbar umgekehrt und damit wurde er für viele in Nepal zu einer Inspirationsfigur. Ich habe das selbst bei meinen vielen Treks immer wieder erlebt. Das ist keine Kleinigkeit in einem Land, in dem es wenige Helden gibt, und das meist nur in einem Nebensatz in den Nachrichten auftaucht – nämlich dann, wenn mal wieder eine Naturkatastrophe zugeschlagen hat oder die Regierung gestürzt wurde.

Das Erbe von Tenzing Norgay – und das große Ego
Ist Nirmal Purja damit also so etwas wie eine moderne Version des Everest-Bezwingers Tenzing Norgay, der von der indischen und nepalesischen Presse in den 1950er-Jahren für den Triumph des asiatischen Mannes über die westlichen Kolonialherren gefeiert wurde? Wahrscheinlich nicht. Nach allem was wir wissen, war Tenzing ein spiritueller, zutiefst bescheidener Mensch, der die buddhistische Lehre vom Anatta (Selbstlosigkeit bzw. Illusion des Ich) zeitlebens befolgte. Vor allem stammt er natürlich aus einer anderen Zeit, in der das Machtgefälle zwischen Sahib und Einheimischen noch ziemlich klar zementiert war.
Nimsdai war da schon deutlich weniger zurückhaltend. Er hatte kein Problem damit, sich als Superman des Alpinismus zu inszenieren. Bei ihm war immer klar: Er ist der Boss, zu dem die westlichen Kunden kommen müssen. Auch wenn er nicht durchgängig als egogetriebener High-End-Unternehmer agierte. Genau wie Tenzing stärkte Nims die lokale Community, indem er Schulstipendien für benachteiligte Kinder finanzierte oder moderne Unterkünfte für die einheimischen Träger errichten ließ. Es wäre also ungerecht zu sagen, dass er seinen Erfolg rein egoistisch für sich ausgenutzt hätte.
Was bleibt
Nirmal Purja war kein fehlerfreier Held. Und seine sportlichen Erfolge an den 8.000ern werden verblassen, so wie es alle Rekorde tun. Aber er war auf seine, manchmal vielleicht etwas zu reißerische, Art dennoch ein visionärer Pionier, der den Stolz einer ganzen Nation neu entfacht hat. Und für viele in der jüngeren Generation war er tatsächlich der „Dai“, der größere Bruder, zu dem man aufschaut. Er hat gezeigt, dass Herkunft keine Grenzen setzt und man alles erreichen kann. Sein tragischer Tod am Broad Peak hinterlässt eine große Lücke, aber sein Erbe wird in den Gipfeln des Himalaya und in den Herzen einer neuen Generation von Nepali weiterleben.
Rest in Peace, Nims.
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Hinweis: Der Artikel enthält Illustrationen, die mithilfe eines Bildgenerators (DALL-E 3) erstellt wurden, um den Text visuell aufzulockern.
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